Geschichten aus den Hunsrückdörfern


1980 - 1982

 


Regie
Edgar Reitz
 
Regie-Assistenz    
Petra Kiener

Drehbuch
Edgar Reitz

Kamera
Edgar Reitz
 
Kamera-Assistenz    
Christian Englaender

Schnitt
Heidi Handorf
 
Schnitt-Assistenz    
Claudia Remak

Ton
Vladimir Vizner

Musik
Nikos Mamangakis

Produktionsfirma
Edgar Reitz Filmproduktions GmbH (München)

Produzent
Edgar Reitz

Produktionsleitung    
Inge Richter

Produktions-Assistenz    
Petra Kiener

Redaktion
Joachim von Mengershausen

Dreharbeiten
Schlierschied
Bundenbach
Morbach
Kirschweiler
Woppenroth

Uraufführung
Berlin: 19-Februar-82

Format
1:1,66

Bild/Ton
Farbe und Schwarzweiss
Optischer Ton

Länge
3227m, 118 Min.

Im Herbst 1980 entsteht der Dokumentarfilm „Geschichten aus den Hunsrückdörfern", zu einer Zeit, da Edgar Reitz sich gemeinsam mit seinem Co-Autor Peter Steinbach in Woppenroth im Hunsrück auf sein kommendes Projekt „Heimat" vorbereitet. Es sind die Geschichten dieser Region, Sagen, Kriegsanekdoten oder „Hunsrücker Stückel'sche", die von Hunsrückbewohnern dem Filmemacher, mithin dem Publikum erzählt werden. Die klassische Interviewsituation ist dabei aufgebrochen. Es geht nicht primär um die Informationen und deren vermeintlichen Charme, sondern um die Menschen, die diese mitteilen, um ihre Verortung in ihrem Umfeld, in ihrer Heimat. Wirt Lamberti sinniert über das Dreikaiserbild im Gasthaus Schmidt. Familie Walter führt die moderne Einrichtung ihres neuen Hauses vor und erinnert sich dabei an das alte, inzwischen abgerissene Haus. Frau Rabe und Herr Michels unterhalten sich auf der Autofahrt zur amerikanischen Hahn Airbase, ihrem Arbeitsplatz.
Reitz zeigt einerseits jene Lebensumstände, die das Leben in der kargen und abgelegenen Hunsrückregion einst ausgemacht haben und bis heute teilweise noch ausmachen, so z.B. den traditionellen Schieferabbau und dessen Weiterverarbeitung, das Edelstein-
schleifen oder die Forstwirtschaft. Auf der anderen Seite ist es die durch die Geschichte veränderte Heimat, die dem Zuschauer vorgeführt wird. Im Zentrum stehen immer die Bewohner, die im Gegensatz zu den späteren Protagonisten der „Heimat-Trilogie, wie Paul oder Hermann, gerade nicht diese Erde verlassen haben, um sich in der Fremde entweder zu finden oder neu zu erfinden. Die Menschen, die hier zu Wort kommen, sind als Träger ihrer ganz persönlichen Geschichten das kollektive Bewusstsein dieser Region. Sie vermögen, den Blick über die Kulissen hinaus zu öffnen, in eine andere Ebene, in eine andere Zeit.
Der Film beschreibt das Hunsrückleben in emotional aufgeladenen Bildern. Die Hunsrücker Landschaft ist teils in langen, elegischen Kamerafahrten, teils in festen Totaleinstellungen in Szene gesetzt. Die Tonspur ist voll von traditionellen Gesängen und Volksweisen jener Region, die von Bergarbeitern oder Chören vorgetragen werden. Immer wieder kommentiert Edgar Reitz auktorial aus dem OFF. Auffällig ist auch die schon hier erprobte Mischung von Schwarzweiß- und Farbmaterial, die zu einem herausragenden ästhetischen Mittel der späteren „Heimat" werden soll, ebenso wie diverse optische Stilelemente. Die einzelnen Szenen des Dokumentarfilms sind nicht chronologisch aneinandergereiht, sondern netzartig ineinander verwoben. Eine Szene wird durch eine andere unterbrochen, der „Plot" später erst wieder aufgenommen. Parallelität erzielt hier den Effekt der Gleichzeitigkeit. Das Bild erweitert sich, das Gezeigte steht in gefühlter Beziehung zueinander. Die Einheit von Ort und Zeit kommt zum Tragen, das Hunsrücker Bild gewinnt an Dimensionalität.
In den „Geschichten aus den Hunsrückdörfern" ist das gesamte Hintergrundmaterial, das Reitz bei seinen Vorort-Recherchen für das anstehende fiktionale Projekt gesammelt hat, in dokumentarischer Form zusammengefasst. Gerade deswegen ist dieser Dokumentarfilm kein journalistischer Tatsachenbericht über die bäuerlichen Lebensbedingungen der Hunsrückregion, sondern vielmehr ein atmosphärisches Stimmungsbild, in das Reitz nach seiner „Rückkehr" für die Vorbereitung seines „Heimaf'-Projektes selbst eingetaucht ist.
Dieser Film vermag, einen Einblick in das zu geben, was Edgar Reitz bei seiner autobiographisch geprägten Drehbuchentwicklung für „Heimat" im Hunsrück beeinfiusste. Es wird deutlich, welche Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit in ihm geweckt wurden und in welcher Form er diese später fiktional umzusetzen vermochte. Und so kann es auch nicht verwundern, dass einige der im Dokumentarfilm mündlich überlieferten Episoden in „Heimat" dramatisiert wiederkehren. Die „Geschichten aus den Hunsrückdörfern" stellen somit ein Präludium zur „Heimaf'-Trilogie dar oder, wenn man so will, einen dokumentarischen Prolog.
Das Filmteam bestand im Wesentlichen aus jenen Kollegen und Freunden, die auch kurze Zeit später an der Umsetzung von Heimat beteiligt sind: Nikos Mamangakis (Musik), Heidi Handorf (Schnitt), Petra Kiener (Regieassistenz), Inge Richter (Produktionsleitung) und Joachim von Mengershausen (Redaktion WDR).

Inhaltlich befaßt sich der Film mit meiner Heimat und den Menschen, die ich als Junge verlassen habe, um in den Städten das Filmemachen zu erlernen. Sie werden merken, daß in dieser Heimat alle Motive vorkommen, die ich in meinen Filmen seit fast 20 Jahren behandle. Insofern ist der Film ein Schlüssel zu meinem Werk und er zeigt auch im Verhältnis zu den Bildern und den Menschen meine Einstellung zu unserem Metier. Dies ist ein Lieblingskind von mir und ich bitte Sie, damit glimpflich umzugehen.
(Aus einem Brief von Edgar Reitz an Ulrich Gregor vom 14.1.1982)
Für die Bundesbahn ist der Hunsrück uner-schlossenes oder aufgegebenes Gelände. Wer mit dem Zug vom Rhein her anreist, muß in Kim aussteigen und mit dem Bus weiterfahren - es sei denn, es ist gerade Wochenende, dann hilft nur noch der Daumen oder ein Taxi. Es ist also gar nicht so einfach, ohne Auto diesen deutschen Landstrich zu erreichen, man muß sich heranarbeiten an dieses Stück nahezu unberührter Bilderbuchnatur, in die rund 380 Dörfer fast unmerklich eingepaßt sind. Der Lauf der Jahrhunderte ist hier vorübergegangen, ohne Spuren zu hinterlassen, noch immer übersteigt die Einwohnerzahl  pro Dorf selten 300 Seelen, die Kreisstadt Simmern mutet da mit fast 7000 Bürgern schon an wie ein Stück große Welt.